Die berühmte „Escaderia Selaron“ Treppe in Lapa
In dieser Strasse wohne ich zur Zeit
Eine von vielen bunten Staßenecken in Lapa
Diese Hauptstrasse Lapas sowie viele kleinere Strassen drumrum...
verwandeln sich jedes Wochenende ein riesiges StaßenfestHallo zusammen!
Wir haben uns mittlerweile prima in Rio eingelebt. Hier seht ihr ein paar Bilder von Lapa, dem Stadteil in dem ich zur Zeit zu Hause bin. Am Wochenende sind die Strassen für den Verkehr gesperrt und rappel voll von feierwütigen Jugendlichen, Getränkeständen, Starssenkünstlern und -musikern. Entsprechend leer sind die Strassen Sonntags und gegen Anfang der Woche: Wenn der Wind ungünstig steht reicht der ganze Stadteil wie eine einzigen Toilette, zugedröhnte Obdachlose schlafen in jeder Ecke (oder auch mal mitten auf dem Bürgesteig vor unserer Tür) und es laufen einem schon ab und an recht merkwürdige Gestalten über den Weg. Die ausgelassene Atmosphäre am Wochenende, die vielen Bars, die kunterbunten Häuser und Graffitis sowie die zahlreichen Bullies und Käfer die hier durch die Strassen tukkern geben diesem Viertel dennoch einen einzigartigen Charakter.
Hinzu kommt die nette WG in der ich hier untergekommen bin. Bei gemütlichen Gesprächen (die gut für mein Portugiesisch sind), Abendessen, Caipirinha und Gitarrenmusik auf der großen Wohnterrasse haben wir (Chi ist häufig hier, da bei ihr kein Männerbesuch erlaubt ist) hier viele nette Brasilianer kennengelernt.
Auch mit dem Projekt geht es voran und momentan auch ein wenig drunter und drüber: Hals über Kopf hat sich die Versuchsleiterin des Experiments aus der Arbeitsgruppe verabschiedet (Sie hat sich für eine therapeutische Richtung entschieden und will ihr Zeit daher nicht mehr der Forschung widmen) und in 3 Tagen (12. Oktober) geht es für mich nach Belem (die Stadt an der Amazonasmündung von der aus wir dann die Dörfer für unsere Messungen im ländlichen Raum besuchen). Sprich: Ohne wirklich einen Versuchsleiter in Rio zu haben gehts erstmal fort in den Dschungel. Da es hier aber einige motivierte Mitarbeiter gibt, mit denen auch erst alles super angelaufen ist, bin ich aber zuversichtlich, dass das was wird mit den Messungen hier in Rio.
Neben all dem bunten und schönen, was ich bisher aus dieser Stadt berichtet habe, möchte ich auch nochmal kurz was zu der schon sehr krassen sozialen Ungleichheit sagen, die sich hier im Alltag bemerkbar macht und der ganzen Schönheit dieser Stadt schon mal einen unangenehmen Beigeschmack verleiht: Über einem fliegen die Helikopter die Manager zur Arbeit, auf der Strasse liegen massenweise Obdachlose die ihren Drogenrausch ausschlafen und fast alle Häuser sind (wenn sie nicht gerade in einem der etwa 700 Favelas liegen, die es hier in Rio gibt) durch Mauern gesichert und meißt durch Portiers bewacht. Die Autobahn vom Flughafen in die Stadt wurde ummauert, damit man die ganzen slums/favelas nicht sieht, durch die diese führt. Bei sechs Arbeitstagen verdient ein normaler Angestellter 600 Reais (230 €) und das in einer Stadt die so teuer ist wie europäische Großstädte. Ein sonderlich angenehmes Gefühl ist es da nicht, an der Kasse eine Jeans für 70 € zu kaufen, bei einer Person, die dieses Geld nicht in einer Woche verdient. Kein Wunder, dass die Kassiererinnen fast alle üble Laune haben und so langsam sind, dass es schon mal 10 min. oder länger pro Kunde brauchen: Man will nur mal kurz 1-2 Sachen einkaufen, denkt sich, dass es ja bei ner Schlange von 3-4 Leuten nicht so lange dauern kann und wartet ne halbe Stunde. Echt unglaublich!
Apropos lange warten: Wir waren uns letztens im Flughafen "registrieren", wohlgemerkt hatten wir schon ein Visum. Dieser Prozess hat uns ungelogen 18 Stunden, je 100€ und drei Ausflüge zum Flughafen gekostet (der ist eine Busstunde entfernt). Tag 1: Mit unserem Visum kam ein Zettel: "Bitte bei der zuständigen Polizeistelle zur Registrierung abgeben". Kann ja kein großer Aufwand sein und die Polizei am Flughafen hat ja sicher Abends noch auf dachten wir uns. Nichts da, die Polizei macht um 17.00 Uhr zu, 3 Stunden für nichts durch Rio gegurkt. Tag 2: Wir kommen um 14.00 Uhr bei der Polizei an und sehen schon auf dem Flur eine endlos lange Schlange. "Heute registrieren" fragt der Beamte Barosso ungläubig "Sehen sie sich die Schlange an", ja die hatten wir gesehen. Mit einer Liste auf der 7 Dokumente angekreuzt waren und dem Rat um 6.30 morgens zu kommen (die Polizei macht "zwischen" 7:30 und 8.00 Uhr auf) schickte Barosso uns wieder Heim. Tag 3: um 5:00 aufgestanden standen wir völlig übermüdet vor der Polizei am Flughafen. Anscheinend hatten nicht nur wir diesen Rat von Barosso bekommen, um 6:30 da zu sein, wir waren längst nicht die ersten. Um 8:30 am Schalter der Polizei: ein Dokument fehlt, die Quittung über die "Ausländersteuer". Nein, die kann man nicht hier bezahlen, man muss ein ellenlanges Formular im Internet ausfüllen, dieses ausdrucken und bei der Post abgeben. Wie bitte? wir sind im Flughafen und müssen uns noch heute registrieren um legal im Land zu bleiben. "Kein Problem" sagt die Dame, "Es gibt im Flughafen ein Internetkaffee". Etwa 2 Stunden später (die Geschichte erspare ich euch) stehen wir wieder vor der Dame und haben die Dokumente. "Wie lange müssen wir denn waren?" "Vorhersagen gibt es hier nicht". Um 15.30 werden wir aufgerufen, 9 Stunden nach unserer Ankunft im Flughafen. Im Büro wird uns dann auch klar, wieso es so lange gedauert hat: 6 Polizisten und 3 Ausländer zum registrieren. Die Motivation der Mitarbeiter erinnert stark an die der Frau an der Kasse im Supermarkt: Die Frau am Schreibtisch schreibt erst mal ihre SMS zuende, bevor sie dann 5 Minuten braucht, um eine Nummer mit ca. zehn Ziffern in den PC einzutippen. Die Kollegin wird hinzugerufen um die Nummer noch einmal laut zum Abgleich vorzulesen - Das ist doch ein Witz, oder? Ein bisschen Ausländer ärgern zum Feieraben. Dann werden meine Dokumente zusammengetakkert auf einen riesigen Papierhaufen geworfen und mein Reisepass mit 4 Stempeln versehen - Das wars? Wenn man da raus kommt, hat man nicht mehr die Kraft, sich über die Leute dort zu ärgern, man ist nur noch glücklich, das man fertig ist. Auf dem Heimweg haben wir dann eine Peruanerin getroffen, die ebenfalls in der Behörde war, sie war vor uns dort und hat ebenfalls 10 Stunden dort verbracht: Ihr Fall ist "etwas aufwendiger" - Sie soll morgen wiederkommen.
Viele Grüße in die Heimat!
Chi und Mo
2 Kommentare:
Hallo Ihr Beiden. Das ist ja echt der Hammer mit der Anmelderei. Toller Reisebericht, wirklich! Da habt Ihr Euch noch ein paar schöne Tage gemacht, bevor es nach Belem geht. Das sieht nach einem traumhaften Plätzchen aus. Mir war garnicht klar, dass Du auf die Dörfer fährst. Na, dass wird ja auch noch mal spannend. Lasst es Euch gut gehen und wieder von Euch hören! Und passt weiterhin gut auf Euch auf. Lieben Gruß von Hellamama
Hallo Chi, ruf mich ruhig mal aus Rio an, wenn Du dort alleine bist. Kannst Du von dort aus auch Skypen? Ich würde mich freuen zwischendurch von Dir zu hören.
Liebe Grüße, Hella
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